Karl Eugen Neumann, Pionier des Buddhismus

von Buddhismus-Experten Andreas Schnell

Als Karl Eugen Neumann am 18. Oktober 1865 in Wien geboren wurde, war nicht abzusehen, in welche Richtung sein Leben gehen würde. Sicherlich hatten seine Eltern, der Vater Tenor an der Wiener Hofoper und seine Mutter Tochter einer ungarischen Adelsfamilie, eine eher traditionelle Karriere für ihren einzigen Sohn im Sinn.

Im Jahre 1876, als Angelo Neumann, der Vater von Karl Eugen Neumann, als Direktor an das Leipziger Stadttheater berufen wurde, zog die gesamte Familie nach Leipzig. Dort besuchte Karl Eugen Neumann die Leipziger Handelsschule, um Neue Sprachen zu studieren. Als er schließlich 1882 das Studium beendet hatte, begann er auf Drängen seiner Eltern eine Lehre bei einer Bank in Berlin, welche aber nicht recht in das Bild passte, das Karl Eugen Neumann von seinem Leben gehabt haben mochte.

Im Jahre 1884 entdeckte er schließlich die Texte von Schopenhauer für sich, seines Zeichens Philosoph und großer Verehrer des Buddhismus. An ihnen fand Neumann so viel Gefallen, dass sie wohl richtungsweisend für seinen weiteren Werdegang waren. So schrieb er beispielsweise in einem Brief, den er 1897 an seinen Freund Giuseppe de Lorenzo schickte:
“Damals, nämlich 1884, ist mir eine Sonne aufgegangen, die auch dir, Theurer leuchtet: Schopenhauer. Ich wurde so innig ergriffen, dass ich mit meinem ganzen bisherigen Leben brach, innerlich brach. Die romantische Jugendschwärmerei zerschmolz wie Blei auf der Opferplatte.”

Das Gedankengut Schopenhauers und das von Neumann schienen sich in vielerlei Hinsicht zu ähneln. Beide erkannten im Buddhismus einen Gegenentwurf zur abendländischen Metaphysik und sahen in dem Erkenntnisstreben dieser Lehre ein Mittel, die geistige Isolierung des Einzelnen zu durchbrechen. Im weiteren Verlauf seines Lebens und seiner Studien entfernte sich Neumann teilweise von den Ansichten Arthur Schopenhauers, er blieb den grundlegenden Prinzipien des Philosophen aber ein Leben lang treu. Dieser Umstand sollte sich ebenso in seinen Übersetzungen niederschlagen, die auch heute noch zeitgemäß klingen und stets eine gewisse Erinnerung an das Sprachgefühl Schopenhauers erwachen lassen.

Von seiner Arbeit in Berlin frustriert, kehrte er 1885 seiner Bankkarriere den Rücken und begab sich nach Prag, wo er sich am Obergymnasium einschrieb und die Grundpfeiler seines weitergehenden Studiums legte, welches er 1887 in Berlin begann und in Halle fortsetzte. Er studierte Philosophie, Indologie und Religionswissenschaften und konnte vier Jahre später, mit der 33-seitigen Dissertation über den Sarasangaho, einen Pali-Traktat des 14. Jahrhunderts, in Leipzig zum Dr. phil. promovieren. Im selben Jahr veröffentlichte er auch das Buch Zwei buddhistische Suttas und ein Traktat Meister „Eckharts“, in dem er die versartigen Lehrschriften des Buddhismus behandelte, als auch Texte des spätmittelalterlichen Philosophen und Theologen Eckhart von Hochheim aufarbeitete. Ein Jahr später, 1892, reiste er wieder in seinen Geburtsort Wien und ließ sich dort als Indologe nieder.

Im selben Jahr veröffentlichte er „Buddhistische Anthologie: Texte aus dem Pali-Kanon“. Es handelte sich dabei um eine Übersetzung, die Auszüge aus allen fünf Teilen des Suttapitaka beinhaltete. Eine Sammlung aus Dialogen und Lehrvorträgen Buddhas, die als wichtigster Teil des buddhistischen Kanons gesehen werden. Dieses 236 Seiten starke Werk widmete er Arthur Schopenhauer. So schrieb er in seinem Vorwort:
„Leiden, an Schopenhauers 104. Geburtstage.“

Direkt im Anschluss widmete sich Karl Eugen Neumann der Übersetzung des Dhammapada und veröffentlichte sie 1893 in einem 183 Seiten Buch mit dem Namen „Der Wahrheitspfad (Dhammapadam)“. Bei diesem, von Neumann trefflich titulierten Wahrheitspfad, handelt es sich um eine Anthologie von Aussprüchen Buddhas, welche den Kern der Lehre wiedergeben. Mit dieser Übersetzung, obwohl sie als eigenständiges Werk erschien, setzte Neumann die Arbeit an dem Pali-Kanon fort, denn das Dhammapada ist ein Teil des Kanons und im Khuddaka-Nikaya, den Kurzen Texten, eingeordnet.

Obwohl es bereits vor seiner Zeit Übersetzungen des Dhammapada gab, ließ er folgenden Satz in seinem Vorwort fallen:
„Jedoch halte ich sie für die erste wirkliche Übersetzung: der Kenner möge urteilen. Das große deutsche Volk aber, dem ich sie widme, möge kommen und sich daran erquicken“.

Im Juni 1894, nachdem er vorher annähernd ein Jahr in London verbracht hatte, konnte sich Neumann einen Herzenswunsch erfüllen und zu der Geburtsstädte des Buddhismus reisen: Indien und Ceylon (Anm. d. Red.: Das heutige Sri Lanka).
Von den drei Monaten, die seine Reise andauerte, verbrachte er zwei in Ceylon und einen in Indien. Er konnte zahleiche Persönlichkeiten treffen, so beispielsweise den Mönch Sumangalo in Colombo, der Hauptstadt Ceylons, oder in Darjeeling den tantrischen Lama Dausamdup. Alles in allem schien Neumann aber über alle Maßen enttäuscht von den Begegnungen mit Mönchen zu sein, und so schrieb er am 24. Juni 1894 in sein Tagebuch:
Die Mönche werden Mönche, wie eben Einer Gelehrter wird: um des Lebensunterhaltes willen, und außerdem werden sie ja sehr oft von Kindheit auf im Kloster erzogen, so dass die Ordination nur als konsequenter Abschluss erscheint. Daher darf es nicht Wunder nehmen oder befremden, dass es auch manche räudige Schafe gibt, ja vielmehr, dass es im Allgemeinen mit der Hausmoral vortrefflich steht, muss aufrichtig erfreuen.

Im Herbst 1894 reiste er wieder zurück nach Wien und nahm dort eine Assistenzstelle bei dem Indologen Georg Bühler an, der am Orient-Institut arbeitete. Die nächsten Jahre waren vor allem geprägt von der Übersetzung der Mittleren Sammlung des Pali-Kanons, dem Majjhima-Nikaya, welche bis in das Jahr 1902 andauerte. Ob der Textmenge entschied Neumann, seine Übersetzungen in drei Bände aufzuteilen. Den ersten Band stellte er 1895 fertig und bot ihn 30 Verlagen an, bevor sein Werk schlussendlich akzeptiert wurde. „Die Reden Gotamo Buddhos aus der Mittleren Sammlung“, wie Karl Eugen Neumann sein Gesamtwerk nannte, bleibt bis dato die einzige, vollständige und direkte Übersetzung der Mittleren Sammlung des Pali-Kanons und bildet damit ein unverzichtbares Werk für die Entwicklung des Buddhismus in Europa.

Im Frühjahr 1896 erstand der süditalienische Geologe Giuseppe De Lorenzo den ersten Band der Übersetzungen von Neumann und schrieb ihm daraufhin einen begeisterten Brief. Zwischen beiden entwickelte sich nicht nur ein reger Briefwechsel, sondern auch eine tiefe Freundschaft, die bis zu Neumanns Tod anhalten sollte. Lorenzo fertigte seinerseits Übersetzungen von Neumanns Werken an und war somit im italienischen Sprachraum einer der Wegbereiter des Buddhismus. Im Jahre 1905 wurde Giuseppe De Lorenzo dann Professor für Geologie und Physische Geographie in Neapel und 1925 Ordinarius. Von 1913 bis 1945 war er Mitglied des italienischen Senats. Nachdem Karl Eugen Neumann zwischenzeitlich nach Berlin zurückgekehrt war, fand er 1899 doch wieder nach Wien zurück, um dort die Übersetzung der Thera- und Theri-Gatha, die Lieder besonders befähigter Mönche und Nonnen, fertigzustellen.

Auch diese gehören, als achtes und neuntes Stück des Khuddaka-Nikaya, zu den kurzen Texten des Pali-Kanons.
Die Übersetzung erschien unter dem Titel „Die Lieder der Mönche und Nonnen Gotamo Buddhos“, fand jedoch bis 1901 kaum Absatz. Ähnlich erging es auch seiner nächsten Übersetzung, die weitere Bruchstücke und Überlieferungen der Kürzeren Texte des Pali-Kanons zum Inhalt hatte: Die Reden Gotamo Buddhos aus der Sammlung der Bruchstücke. Die erste Auflage des Buches verkaufte sich bis zum Februar 1906, lediglich 24-mal und wurde nach dem Verkauf von 100 Exemplaren eingestampft.

Im Jahre 1906 verlor Neumann sein ganzes Vermögen bei einem Bankenkrach. Er musste seine gesamte Bibliothek, welche über 4.000 Bände umfasste veräußern, um überleben zu können. Unter den Büchern war auch die siamesische Edition des Pali-Kanon, welche ein Geschenk des siamesischen Königs Rama V. war. Als sein Vater kurz darauf starb, erbte er jedoch ein kleines Vermögen und konnte den Großteil seiner Sammlung zurückkaufen.

Bis zu seinem Tod, am 18. Oktober 1915, seinem 50. Geburtstag, widmete er sich noch der Übersetzung der Längeren Sammlung des Pali Kanons, dem Digha-Nikaya, welche ebenfalls in drei Bänden unter dem Namen: Die Reden Gautamo Buddhas aus der längeren Sammlung erschien.

Erst lange nach seinem Tod, verkauften sich seine Übersetzungen gut, und obgleich er viel Kritik ob seiner Übersetzungen einstecken musste, sowohl zu Lebzeiten als auch danach, wäre der Buddhismus in Europa nicht das, was er heute ist, wenn Karl Eugen Neumann sein Lebenswerk nicht dem Pali-Kanon gewidmet hätte.

Karl Eugen Neumann wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt (Gruppe 82b, Reihe 2, Nr. 18).

Das Grab wurde von der Stadt Wien ehrenhalber gestiftet.

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