Siam Niramit. Son lumière à la Thai

von Dr. Titus Leber

Showmäßige Inszenierungen historischer oder phantastischer Begebenheiten sind über die letzten Jahre hin in bester Manier einer Wiederbelebung alter Renaissance- und Barocktraditionen von festlichen Umzügen und öffentlichen Spektakeln groß in Mode gekommen: Von Las Vegas bis Versailles kann man so vom Untergang von Atlantis bis zum Glanze des Hofs des Sonnenkönigs das ganze Spektrum der Geschichte nacherleben, und jeder bessere Sommerkurort in Frankreich, Italien oder Spanien , der etwas auf sich hält, und der über eine Burgruine , Befestigungsanlage oder ein altes Schloss verfügt, versteht es, seine Sommerfrischler zu derartigen Veranstaltungen zu locken, bei denen der Besucher dann in einen Rausch aus Ton- , Licht- und Spezialeffekten gestürzt wird, und wo prächtig gekleidete Statisten und liebliche Tänzerinnen in einer munter bis dramatisch gestalteten Bewegungschoreographie Historisches oder Pseudohistorisches auferstehen lassen.

“Nicht anders in Bangkok, wo einen gleich nach Verlassen des neuen Flughafens riesige Werbeflächen zum Besuch der “must see show of Thailand”, “Siam Niramit”- zu deutsch “Die Schöpfung Thailands”, einladen. Versprochen wird hierbei eine atemberaubende Reise durch Raum und Zeit, bei der die Quintessenz thailändischer Wesensart sinnlich erfahrbar gemacht wird.

Nun, wer sich seine kindliche Freude und Begeisterungsfähigkeit an derartigen Spektakeln bewahrt hat, wird hier bestimmt nicht enttäuscht werden: auf einer der mit 65 Metern Breite und 40 Metern Tiefe weltweit geräumigsten Bühnen wird ein Breitwanderlebnis geboten, das es an nichts mangeln lässt: von herabstürzenden Monsunregenschwällen, die einen Fluß auf der Bühne füllen, der an manchen Stellen so tief ist, daß Menschen in ihm versinken können, und dessen Strömung so meisterlich angelegt ist, daß beleuchtete Kratongs und bunte Pirogen mit Früchtehändlern sanft auf ihm dahingleiten können, bis hin zu magisch, elegant durch die Lüfte schwebenden Engels-Chören, bietet die Bühentechnik so ziemlich alles , was gut und teuer ist.

Auch ein gruseliger Gei sterbahneffekt mit einem Ausflug in die Hölle, samt armen Seelen, die in riesigen Ölkesseln schmoren und mit glühend aufgedunsenen Bäuchen herumlaufen, fehlt nicht. Abgerundet wird das Ganze von prächtigen Umzügen, Filmprojektionen von ansteigenden Lichtermeeren, von kerzenbeleuchteten Papierlaternen, humoristischen Einlagen, sowie anmutigen Tanzszenen.

Bezaubert von der eigentümlichen Mischung aus zarter Poesie und handfestem Bühnenkitsch, die Siam Niramit prägen, verlässt man das Theater zunächst einmal ein wenig benommen, um sich in die weitläufige Parkanlage zu begeben, in der vieles vom ländlichen Leben und der Handwerkskunst, die zuvor auf der Bühnen szenisch umgesetzt wurden, noch einmal in natura nachzuerleben. Und während man so zwischen den Pfahlbauten mit ihren Korbflechtern, den Lotusteichen mit ihren Pirogen, und den Frauen an ihren Webstühlen, dahinwandelt, wandern die Gedanken zurück zu den Tempeln , die man in letzter Zeit besucht hat, und zu den prächtigen Fresken, mit denen sie verziert sind. Und da erinnert man sich plötzlich daran, daß man all dies, was man gerade als so bombastisches son et lumière-Spektakel erlebt hat, ja schon einmal gesehen hat, wie in einem vergangenem Leben, festgehalten in der einen oder anderen Tempelmalerei, die einem von einem freundlichen Fremdenführer vielleicht etwas umständlich und inkohärent nähergebracht worden war: da erstehen vor dem inneren Auge jene Szenen aus dem Volksleben auf, die – fast wie Shakespear´sche Rüpelszenen – stets das größere, majestätische, meist religiös geprägte Geschehen auf den Tempelfresken umrahmen. Da erwachsen in der Imagination jene weiten Landschaften der Reisfelder im siamesischen Herzland rund um Ayuddhya, die von kriegerischen Horden burmesischer Krieger überrannt wurden, ebenso, wie die malerischen Küstenlandschaften im Süden, oder die Grenzen zum Reich der Khmer, wo der rege Handel mit den kaiserlichen Flotten Chinas, oder die Inspiration durch die monumentale Prachtentfaltung Angkors, zu einem tiefgreifenden kulturellen Austausch führten.

Faszinierender als diese folkloristischen und historischen Aspekte ist allerdings der Mittelteil der Show, der einen in die buddhistische Geisteswelt entführt, deren Existenz sich über drei Ebenen oder Bereiche erstreckt: die Unterwelt, wo Verdammte Teile ihres karmischen Wanderweges in höllischen Qualen abbüßen, die mystisch-mythologische Geisterwelt der Urwälder des “Himmapan”, in denen sich die wunderlichsten Fabelgeschöpfe – Drachen mit Löwenköpfen, süße Kinnarees-Mädchen mit bunten Vogelschwingen, und viele andere – tummeln, und schließlich die himmlischen Gefilde, von Göttern und engelsgleichen Wesen bevölkert. All diese Welten hat das Wesen eines gläubigen Buddhisten zu durchschreiten, in einem ewigen Auf- und Ab, das ausschließlich vom ethischen Verhalten während der jeweils letzten Inkarnation geprägt ist, und deren letzendliches Ziel die Überwindung dieses ewigen Kreislaufes der Wiedergeburten ist.

Wer schon einmal mit offenem Blick vor den Fresken gestanden hat, die üblicherweise die innere Westwand eines thailändischen Tempels schmücken, der wird vielleicht bereits staunend und halb unbewußt zu einem Teil jener Reise durch diese drei Welten aufgebrochen sein, durch die Siam Niramit uns nun mit den Mitteln moderner Bühnenmagie führen will: er wird die skurril-namenlosen Qualen der in der Unterwelt Geschundenen mit einer Mischung aus Grauen und voyeuristischer Neugier wahrgenommen haben, und er wird sich an der unaussprechlichen Zartheit der Nymphen und Apsaras, der himmlischen Tänzerinnen erfreut haben, die die oberen Bereiche dieser Fresken schmücken. Und er wird sich gewundert haben, wie das kollektive Unbewußte kulturübergreifend weltweit dieselben Höhen und Niederungen menschlichen Seins immer wieder in nur allzu ähnlicher Form darzustellen wusste. Engel und Teufel, hier mit Heiligenschein und Ziegenkopf, da mit Tiara und Büffelkopf !

Und plötzlich ist es nicht mehr Geisterbahn und Bühnenkitsch, so betörend er sein mag, der uns hier entgegenkommt, sondern einfach die Fortführung und Umsetzung uralter ikonographischer Traditionen, mit neuen Mitteln, aber im Grund genommen lediglich neuen Seh- und Erlebnisbedürfnissen angepasst.

All dies ist Siam Niramit für jenen, der Augen hat zu sehen, wie diese Show, die Neuerschaffung Siams, aus dem Geiste seiner alten Tempelmalereien, aus dem Geiste seiner Volksmusik und aus der kindlichen Freude am Spiel der Farben und Klänge ist.


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