Von Rama dem Helden bis König Rama IX

Wenn Seine Majestät der König, Bhumibol Adulyadej, Rama IX, im Dezember dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feiert, so tut er dies in der Tradition einer in ununterbrochener Reihenfolge bis auf den Gründer der gegenwärtig herrschenden Chakri- Dynastie zurückgehenden Reihe von Monarchen, die allesamt denselben Namen- “Rama”- in direkter Anlehnung an den gleichnamigen mythologischen Helden Rama aus dem Ramaynana Epos – in Thailand besser bekannt unter dem Namen “Ramakien” – führten.”

Rama I (1782-1809), der Gründer der Chakri–Dynastie und Begründer Bangkoks wählte diesen Namen wohlbedacht, seinen Anspruch auf Göttlichkeit von der 7. Reinkarnation des hinduistischen Gottes Vishnu, dem strahlenden Helden Rama, ableitend

Dem Gott Vishnu (auf thailändisch „Phra Narai“), im Pantheon der Hindus neben dem Schöpfergott Brahma und dem mächtigen Zerstörer Shiva die Rolle des Erhalters und Beschützers der Welt einnehmend, wird traditionellerweise eine Reihe von stark mythologisch gefärbten Reinkarnationen zugeschrieben: Zuerst kehrte er in Gestalt des Riesenfisches „Matsya“ wieder, der das hinduistische Pendant unseres Noah, Vaivasvata, aus den Fluten errettete. Sodann als die Schildkröte „Kurma“, deren Panzer in der berühmten Episode des „Quirlen des Milchmeeres“ als Gravitationsmittelpunkt des Universums diente. In seiner nächsten Reinkarnation, als der wilde Eber Varaha, barg er die verloren gegangenen Veden und befreite die Erde aus ihrer Umklammerung durch die ozeanischen Urgewässer. Der Löwenmensch Narashinghra, der Zwerg Vamana, und der streitbare Parasumara waren dann die nächsten Stufen dieser metaphorischen Evolutionsgeschichte, aus der schließlich die strahlende Heldengestalt des Rama hervorging, der nach einer Reihen von epischen Schlachten den großen Dämon Ravana (auf thailändisch „Thosakanth“) bezwang, welcher seine schöne junge Frau Sita entführt hatte.

Differenzierung gewinnt die Gestalt des Rama insofern, als sie nicht nur als unbezwingbarer Heros gilt, sondern vor allem dadurch, weil sich in ihr auch jene zehn Tugenden verkörpern, die den idealen Herrscher auszeichnen, mit anderen Worten, die „Zehn Gebote des rechtschaffenen Regierens“ definieren: Freigiebigkeit und Wohltätigkeit stehen hierbei an erster Stelle. Es folgen das strikte Sich-Enthalten jeglicher Art des Tötens, des Betrügens, Stehlens, Ausbeutens, Ehebrechens, Lügens und des Konsums von berauschenden Getränken. Von allergrößter Bedeutung ist ferner die Bereitschaft, für sein Volk jegliches nur erdenkliche Opfer darzubringen. Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit spielen hierbei eine ebenso wichtige Rolle, wie eine milde und freundliche Umgangsart mit den Untertanen.

Und auch Schlichtheit und Selbstkontrolle werden vom idealen Herrscher ebenso erwartet, wie die Bereitschaft zur Friedfertigkeit unter Verzicht auf Hass, Groll und Gewaltanwendung.

Ganz besonders wichtig im asiatischen Kontext sind auch die beiden letzten Gebote; die Forderung , niemals die Selbstbeherrschung zu verlieren und die krönende Eigenschaft, stets in Übereinstimmung mit dem Willen des Volkes zu regieren

Ein ethisch sehr hochgesteckter moralischer Imperativ und Verhaltenskodex verbindet sich somit mit den Anforderungen, die sich an Thailands Herrscher durch die Identifikation mit Rama, dem Herrlichen, knüpfen.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Eindringlichkeit zu verstehen, mit der beinahe ein jeder der neun bisherigen Herrscher der gegenwärtigen Dynastie sich mit dem Ramayana-Epos auseinandersetzte: Am intensivsten tat dies vermutlich der Begründer der Dynastie: Bereits 1784 erfreute er das Volk anläßlich der Einweihung des Tempels des Smaragdenen Buddhas – dessen weitläufige Eingrenzung er auf das prächtigste mit einem durchgehenden Fresko dekorieren ließ, das auf über einem Kilometer Länge mehr als 200 Episoden aus dem Ramayana mit ungeheurem Detailreichtum widergibt- mit einer großangelegten Aufführung von Szenen aus dem Ramayana durch sogenannte „hun luang“ Puppenspieler. Bald schon wurde die Thematik dann auch von den Tänzern des Khon Theaters aufgegriffen und alsdann insbesondere anläßlich von Trauerfeierlichkeiten in pompöser Art zur Darstellung gebracht. Dessen nicht genug, befleißigte sich der Monarch und ein enger Kreis seiner liebsten Hofdichter damit, eine Neufassung des Epos (Ramakien, 1798) zu verfassen, besser auf den lokalen Kontext abgestimmt, und mit insgesamt 24.000 Versen die zweitlängste überhaupt existierende Version dieses Epos.

Weithin bekannt ist auch das lebhafte Interesse, das König Phra Buddha Lertla Naphalai, Rama II ( 1824-1851), in mannigfaltiger Form den künstlerischen Ausdrucksformen des Ramakien entgegenbrachte: Von ihm stammen sowohl ein Theaterstück, das in stimmiger Art Szenenaus diesem Epos in seine Handlung miteinbezieht, als auch von ihm selbst geschnitzte Puppenköpfe von Phra Ram (Rama) und Phra Lak (Lakshmana, dem Bruder Ramas). Kaum weniger umfangreich sind jene Querbeziehungen, die das Interesse Rama III am Ramakien bekunden: In zahlreichen offiziellen Erlässen finden sich Hinweise auf Zeremonien, die in engem Zusammenhang mit althergebrachten Traditionen des Ramakien stehen.

Während der monumentalen Trauerfeierlichkeiten für Rama IV wurde die Einbeziehung von Episoden des Ramakien in Aufführungen des Khon Theaters weiterhin intensiviert, am erschütternsten ist aber vielleicht jene Serie von reich verzierten kleinen Gruppen, verschieden Schlüsselepisoden aus dem Ramakien darstellend, die König Chulalongkorn, Rama V, (1868-1910) anfertigen ließ, als eine seiner Lieblingsköniginnen hilflos im Teich eines Sommerpalastes ertrank, weil keiner ihrer Gefolgsleute es wagen durfte, eine Person königlichen Geblütes zu berühren.

Nicht ohne einen diskreten Charme sind hingegen jene frühen fotografischen Darstellungen, diedann den nächsten Herrscher der Dynastie, Rama VI, selbst als Darsteller einer entsprechenden Khon – Aufführung zeigen.

Vom derzeit herrschenden König wird nicht zu Unrecht behauptet, daß er in seinem Leben so manche Schlacht zu bestreiten hatte, wenn auch nur im übertragenen Sinne des Wortes; aus all diesen als letztendlicher Sieger hervorgegangen, wird er von seinem Volke nicht nur geliebt, sondern geradezu vergöttert. Und in diesem Sinne bewährte er sich als eine mehr als würdige Verkörperung seines großen Vorbildes, des edlen Rama!

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